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WNA Juni 2016

21 Titelthema | Wirtschaft Neckar-Alb | Juni 2016 300.000 Besucher im Jahr), profitiert man bisher nur mäßig. „Vor zehn Jahren war Tourismus kein Thema für uns. Das Pflänzchen wächst mitt- lerweile, aber es braucht noch.“ Vor der Zukunft, so scheint es, ist dem Gastronom dennoch nicht bang. Ortswechsel nach Hohenstein-Öden- waldstetten. Und wieder Lamm. Wolfgang und Dieter Speidel haben hier ihren traditionellen Gasthof ebenfalls in die Gegenwart überführt: Die mehr als 250-jährige Brautra- dition wurde neu belebt, zum Event ausgebaut und ein in diesem Konzept verankertes Tagungshotel etabliert. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, schmunzelt Wolfgang Speidel. Die Bevölkerungszahl sinke stetig und Nachbarorte wie Aiche- lau und Oberstetten hätten gar keine Gastronomie mehr. Ein schleichen- der Prozess, der sich über Jahrzehnte vollzogen habe. „Das kann man nicht aufhalten. Und überlebt man nur als Spezialist.“ Schlüssiges Konzept Spezialisiert ist man vor allem auf Bier und Geschäftskunden. Dass man Letz- tere in Scharen hierherlotsen kann, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, ist Ersterem geschuldet. Und dem Gespür für die richtige Idee sowie dem Mut zum Risiko. Nachdem die Brauerei zwanzig Jahre lang eingestellt gewesen war, reaktivierten die beiden Brüder 1993 für ein Fest ihre Brau- kunst und ihr eigenes Bier. Man bot deshalb künftig Bierseminare an. Ein Türöffner und Wendepunkt: Als Ma- nager von Hewlett-Packard einmal ein derartiges Bierseminar besucht hatten, machte das im Business-Sektor schnell die Runde. Daimler, Siemens, Bosch, Porsche – bis heute kommen Manager von Dax-Konzernen auf die Alb, um selbst ihr Bier zu brauen. Etwa 70 Pro- zent der Seminare mit anschließen- dem Bier-Menü werden von Firmen gebucht. Inzwischen arbeitet man mit Outdoor-Eventagenturen oder Land- wirten und Käsereien zusammen und bietet weitere ähnliche Do-it-yourself- Events an. Die Nachfrage der Bierseminare war schließlich auch Grund für den Bau des Tagungshotels vor zehn Jahren. Ein schlüssiges Konzept. Mit dem Hotel machen die Speidels ihren Hauptumsatz. „Ohne Hotel würde es uns heute nicht mehr geben“, sagt der gelernte Brauer und Betriebs- wirt. Zu den Kosten schweigt er ge- nüsslich. Und erzählt stattdessen eine Anekdote: Einmal habe ihn ein Banker gefragt, warum sie so ein Hotel gebaut hätten, das sei doch als Kapitalanlage eigentlich nichts wert. „Weil es einfach stolz macht, zu se- hen, dass man mit einer Idee Erfolg hat“, war die Antwort. Und weil man sieht, dass es weitergeht. Apropos: Als Nächstes planen die Speidels das historische Gebäude mit Saunen und Dampfbädern einzurichten. Kein Event-Wellness mit mehreren Hun- dert Quadratmetern Wellnessfläche und Kraftraum, sondern „Brau-Spa“ sozusagen. Dass ihnen, bei aller Treue zum Standort, einige im Ort nachsagen, sie schauten nur aufs Geld, fuchst ihn schon, sagt Speidel. Deshalb will er auch einen ans Ho- tel angegliederten Dorfladen bauen. Das Angebot böte schließlich sensa- tionell gute Öffnungszeiten: sieben Tage die Woche, von 6.30 bis 23 Uhr. Eine Art Bürgershop schwebt ihm dabei vor, der aber nicht nur den täglichen Bedarf der Einheimischen mit abdecken soll. „Die Leute suchen nach wie vor Kommunikation und Geselligkeit, nur die Art, wie und wo sie das kriegen möchten, ändert sich eben.“ Dorfwirtschaft reloaded: In Hechingen-Stein (linke Seite) und Hohenstein-Ödenwaldstetten wird eine Institution in die Gegenwart überführt (rechts: Dieter, Tina und Wolfgang Speidel). Fotos: PR

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