Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

WNA Juni 2016

www.wirtschaft-neckar-alb.de 16 | Im Gespräch Wo hört die Freiheit auf und wann tut sich der Abgrund auf? Ott: Wenn man Freiheit ernst nimmt, gehört zu ihr immer auch ein Stück Bodenlosigkeit. Ich selbst habe das nie anders erlebt. Ich habe brotlose Din- ge studiert: Philosophie, Literatur und Musikwissenschaft. Ich habe am Thea- ter gearbeitet, wo es nur Jahresverträ- ge gibt. Ich bin ohne Absicherung ins freie Schriftstellerleben gesprungen. Ich weiß nie, ob mir mein nächstes Buch gelingt und ob es verkauft wird. Ich lebe in ständiger Unsicherheit. Frei- heit ist nicht kostenlos zu haben, und sie erschöpft sich vor allem nicht in der Möglichkeit, im Supermarkt zwischen zwanzig Marmeladenmarken wählen zu können. WNA: Die Deutschen mögen die Bo- denhaftung aber schon sehr gerne. Ott: In Amerika sind es die Leute ge- wohnt, flexibel zu sein, sich verändern zu müssen, von hier nach dort zu zie- hen und den Beruf zu wechseln. Hier gilt das als Zumutung. In Washington dagegen sitzt man abends an der Bar zwischen lauter Leuten, die ganz ver- schiedener Abstammung sind und letztlich alle keine Wurzeln in Ame- rika haben, auch jene nicht, deren Familien vor dreihundert Jahren einge- wandert sind. Das ist doch ein ganz an- deres Lebensgefühl. Da ist man wacher und spürt selbst bei denen noch einen Rest von Aufbruchsstimmung, die dort aufgewachsen sind. Dagegen sind wir Europäer doch lauter träge Säcke. WNA: Die Freiheit nicht genug wert- schätzen? Ott: Leider können hier inzwischen eine ganze Menge Leute mit unserer Freiheit nichts mehr anfangen. Vom Front National bis zu Orbán und zu Pegida bewundert man Putin für seine starke Hand, mit der er für Ordnung sorgt. Die Aversion gegen Freiheit ha- ben diese Leute, bei aller ideologischen Unterschiedlichkeit, mit ihren islamis- tischen Erzfeinden gemein. Ich dage- gen kriege sofort Asthma, wenn ich an mein früheres Dorf zurückdenke, wo man nur unter sich war und sich gegen- seitig versprochen hat, dass man nie ein Haus an Türken verkaufen wird, selbst wenn sie mehr bieten. WNA: Sie wuchsen ohne Vater als un- eheliches Kind im stockkatholischen Ehingen an der Donau auf. Nicht ge- rade gute Startbedingungen. Wie sehr mussten Sie sich beweisen? Ott: Ich bin im Ehinger Krankenhaus geboren, aber in dem Dorf Oberdi- schingen aufgewachsen, das damals um die 1.500 Einwohner hatte. Als Unehe- licher wurde man damals tatsächlich noch wie jemand behandelt, an dem etwas nicht stimmt. Zwischen neun und dreizehn war ich auch noch in ei- nem grauenhaften katholischen Inter- nat für Landbuben. Es wurde von den Steyler Missionaren geleitet, von lauter Gestalten, die man heutzutage für be- handlungsbedürftig halten würde. Ge- schlagenwerden war an der Tagesord- nung. Ich wurde dort rausgeschmissen und erfuhr erst Jahre spä- ter, dass ich nur auf Zureden unseres Dorfpfarrers genom- men wurde. Doch der Rektor wollte be- weisen, dass es mit einem Unehelichen nicht gut gehen konnte. Also hat man mir ein paar Diebstähle in die Schuhe geschoben, die ein anderer begangen hat. Inzwischen glaube ich, dass dieses Grauen auch sein Gutes gehabt hat. Vielleicht hat mich die Tatsache, nicht wie ein Gleicher unter Gleichen behan- delt worden zu sein, zum Beobachter gemacht und zum Schreiben gebracht. WNA: Können Menschen ihre Her- kunft hinter sich lassen und einfach die Kleider wechseln? Ott: Die Kleider kann man wechseln, die Herkunft nicht. Ich bin, was meine Geschichte aus mir gemacht hat und weiterhin macht. Trotzdem denke ich über tausend Dinge anders als vor zehn, zwanzig oder gar vierzig Jahren. Ich bin auch durch die unterschiedlichs- ten Theorien und Weltbilder gegangen, von der Kindheitsreligion über linke Geschichtsphilosophien bis zur De- konstruktion von allem und jedem. Ich besitze auch zwei recht entgegengesetz- te Seiten in mir: einen fast herrischen Debattierdrang mit eingeschränkter Toleranzfähigkeit und die gleichzeiti- ge Gewissheit, dass alles, was wir uns an Weltbildern zusammenbasteln, sub specie aeternitatis nichtig ist. WNA: Sie haben in Tübingen studiert. Fühlen Sie sich der Stadt noch ver- bunden? Immerhin besaßen Sie einen Schlüssel zum Hölderlinturm, dem Wahrzeichen schlechthin. Ott: O ja, ich mag Tübingen immer noch, finde aber die Freiburger Ecke, in der ich lebe, aus einem einzigen Grund noch schöner: Es gibt dort mehr Weite, und man ist gleich in Frank- reich drüben und in der Schweiz. Die Rheinebene ist ein Paradies. Das hat auch der Sonnenkönig schon gesagt, als er das Elsass eingesackt hat. Aber Tübingen und der Hölderlinturm, die Alte Burse und die engen Kopfstein- pflastergassen, das hat mich wie kaum etwas anderes geprägt. Man hatte dort ja das Gefühl, als lebten Hegel, Hölder- lin und Schelling noch. Und weil ich an den Wochenenden Führungen im Höl- derlinturm gemacht habe, besaß ich auch einen Schlüssel. Was allerdings Hölderlin anbelangt, den ich jahrelang fast täglich las, so ist er mir inzwischen ziemlich fern gerückt. Man ändert sich halt doch. Ich werde mir selbst fremd, wenn ich an meine damalige Begeiste- rung denke. Vielleicht schreibe ich ein kleines Buch darüber. Ein Buch voller Kopfschütteln. „Wir Europäer sind doch lauter träge Säcke.“

Übersicht