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WNA Juni 2016

15 Im Gespräch | Wirtschaft Neckar-Alb | Juni 2016 Vita Karl-Heinz Ott wurde 1957 in Ehingen an der Donau geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft an der Uni Tübingen und war anschließend als Dramaturg für Oper und Theater in Freiburg, Basel und Zürich tätig. 1998 erschien Otts Romandebüt „Ins Offene“, das mit dem Hölderlin-Förderpreis und dem Thaddäus-Troll- Preis ausgezeichnet wurde. Weitere Werke folgten, wie zuletzt „Die Auferstehung“. Karl-Heinz Ott schreibt zudem Stücke für die Bühne, produziert Features fürs Radio und arbeitet als Übersetzer. Gemeinsam mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Freiburg im Breisgau. WNA: In ihrem jüngsten Buch geht es ums Erben. Ein sehr gegenwärti- ges Thema: Noch nie wurde so viel Vermögen vererbt wie derzeit. Selbst in den kultiviertesten Familien kann es dann eklig werden. Geht´s dabei wirklich ums Geld? Ott: Sicherlich geht es ums Geld, doch hinter dem Kampf um eine gerechte Verteilung verbergen sich meist jahr- zehntelang gepflegte Wunden. Unter Geschwistern herrscht immer das Ge- fühl, von den Eltern ungleich behandelt worden zu sein. Jeder hat seine famili- ären Kratzer abbekommen. Bei man- chen führt das zu regelrechten Macken, die das ganze Leben prägen und wie ein Schatten über allem liegen. Vor ein paar Jahren traf ich auf der Straße einen Be- kannten, der völlig außer sich war, weil er gerade von einem Familientreffen kam, wo es ums Erbe ging. „Du hast doch damals das Akkordeon gekriegt“, haben ihm die andern vorgehalten, als sei damit sein Anteil erledigt. „Dabei wollte ich diesen Scheiß doch nie ha- ben!“, hat er auf der Straße geschrien. Ich hab das sofort in meinen Roman aufgenommen. WNA: Sie gehen in ihren Romanen mit den 68ern wie auch der Baby- boomer-Generation hart ins Gericht, letztlich versagen alle Protagonisten. Was stimmt nicht mit ihnen? Ott: Die 68er haben für frischen Wind gesorgt und etwas in Gang gebracht, das durch die wirtschaftliche Entwick- lung und die Globalisierung ohnehin gekommen wäre: Die allmähliche Auf- lösung tradierter Lebensverhältnisse und eine Liberalisierung, die natürlich auch mit dem allgemeinen sozialen Mobilitäts- und Flexibilitätszwang zu tun hat. Allerdings waren so manche 68er-Typen ihren Nazi-Vätern charak- terlich leider ziemlich ähnlich, näm- lich autoritär bis zum Anschlag und totale Machos. Sie hatten es moralisch einfach, ihre Eltern niederzumachen, weil die Eltern ja in der Hitlerzeit ge- lebt hatten. Und es hat sie auch nichts gekostet, den Kapitalismus und die Konsumgesellschaft zu verdammen und die Alten für ihr ‚Schaffe, schaf- fe, Häusle baue’ zu verachten. Ihnen selbst hat es ja an nichts gefehlt, zu- mindest materiell nicht und was die Bildungschancen angeht. Und vor al- lem konnten die meisten davon aus- gehen, dass die Eltern ihnen einmal so viel hinterlassen, dass sie nicht auf der Straße landen. WNA: Die Biografien der 68er sind von Brüchen und Neuorientierung gekennzeichnet: Alles geht, nichts muss. Das ist ganz schön anstren- gend, oder? Ott: Einerseits ist es anstrengend, ständig damit rechnen zu müssen, dass sich alles ändern kann, andererseits erlebt man aber auch, dass das keine Katastrophe sein muss. Man kann sich leichter als früher aus Zwängen befrei- en oder sich aus Bindungen lösen, die einem nicht guttun, ohne dafür schief angeguckt oder moralisch verurteilt zu werden. Gleichzeitig verschwinden damit nicht nur soziale Verbindlich- keiten, sondern auch Rituale, die bis vor dreißig, vierzig Jahren noch als selbstverständlich galten. Inzwischen ist alles offen und man muss über al- les diskutieren. Wir befinden uns in jeder Hinsicht in Umbruchzeiten, vom Kleinsten bis zum Allgemeinsten. WNA: Die 68er sind also genauso spießig wie ihre eigenen Eltern. Bloß in eine andere Richtung. Bewegung erzeugt Gegenbewegung: Kann so auch der derzeitige Rechtsruck gewer- tet werden – als Antwort auf den links- grünen Mainstream? Ott: Allerdings ist in den letzten vier- zig, fünfzig Jahren alles liberaler und lockerer geworden. Inzwischen hat das sogar dazu geführt, dass zwischen der CDU, der SPD und den Grünen keinerlei grundlegender Dissens mehr besteht. Von der Homo-Ehe bis zur Ab- schaffung der Atomkraft sind sich alle einig, und vor allem auch darin, dass Weltoffenheit besser ist als Traditions- gedusel. Auch weltanschaulich hat man die letzten Barrieren niedergerissen, was sich am deutlichsten darin zeigt, dass es Gender-Themen bis in den Schulunterricht geschafft haben. Dass das wütende Gegenreaktionen hervor- ruft, muss einen allerdings auch nicht wundern. Wenn jahrtausendealte Ge- schlechterbilder in wenigen Jahren auf- gelöst werden, muss es notgedrungen auch Leute geben, die bei alledem nicht mitkommen können und auch nicht mitkommen wollen und die rufen: Bis hierher und nicht weiter! Radikale Umbruchzeiten führen zu radikalen Reaktionen. Trotzdem wird man all das nicht aufhalten können. Gottlob nicht. WNA: Ein Credo von damals war si- cherlich das der maximalen Freiheit.

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