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WNA Mai 2016

18 www.wirtschaft-neckar-alb.de | Im Gespräch hochgelobte Serien wie „Breaking Bad“ sind bei der Ausstrahlung in den USA eher gefloppt und waren praktisch Ni- sche. Der Hype kommt heute oft im Nachhinein über die internationale Distribution. Das Problem in Deutsch- land ist, dass die Zuschauer häufig ein sehr eingefahrenes Interesse an Ge- schichten haben. Es gibt eine bestimm- te Erwartungshaltung des Publikums. Beliebt sind Formate, wo man schon weiß, wozu man geladen ist. Deshalb funktioniert auch „Tatort“ so gut. Eine ambitionierte, horizontal erzählte Ge- schichte, die über die klassische Spiel- filmlänge geht, hat es da schwerer, weil man sich als Zuschauer auf eine länge- re Strecke einlassen muss. WNA: Aber fehlt im deutschen Fern- sehen nicht einfach auch der Mut zum Risiko? Eine Kult-Serie wie „Tatortrei- niger“ wurde vom NDR zuerst stief- mütterlich behandelt und im Spätpro- gramm gesendet, selbst „Weissensee“ hatte Probleme bei der Fortsetzung. Bohse: Das stimmt schon, es gibt bei den Senderverant- wortlichen eine große Angst davor, Risiken einzugehen und Fehler zu ma- chen. Ich habe die Umstrukturierung bei der Degeto hautnah miterlebt, wie man anfangs auf Altstars verzichtet und viel Neues gewagt hat– und das nach einem Jahr wieder hinterfragt wurde, weil die Zuschauerzahlen teil- weise um die Hälfte eingebrochen sind. Das kann man mal machen und es gibt ja auch Projekte wie die NSU-Trilogie, die auch heiße Themen anpacken, aber wenn der nötige Zuspruch vom Publi- kum fehlt, geht den Verantwortlichen schnell die Luft aus. WNA: Dennoch: Es ist schwer vor- stellbar, dass Deutsche nur Krimi, Komödie oder Historiendrama kön- nen – und sehen wollen. Bohse: Ich weiß nicht, ob man sein Publikum erziehen kann. Aber so- bald man die Filmleute lässt, kom- men auch gute Sachen dabei heraus. Es wäre wünschenswert, wenn die Sender sich immer wieder was trau- en, auch, um letzten Endes eine brei- tere Akzeptanz beim jüngeren Publi- kum zu bekommen. Es ist allerdings einfach auch bitter, sich für ambitio- niertes Erzählen immer wieder vom Zuschauer abstrafen zu lassen. WNA: Sie waren vor zehn Jahren für den Studenten-Oscar nominiert, seit- dem gab es acht deutsche Gewinner. International hat kaum einer Karrie- re gemacht. Wird hier ein Talentpool verschenkt? Bohse: Es hat sicher auch viel mit Glück zu tun, den richtigen Film zur richtigen Zeit zu machen. Und um ei- nen Kinofilm zu stemmen, braucht man enorm viel Geduld, Willen und wenn es kein Mainstream-Format ist, einen langen Atem bei der Finanzie- rung. Ein Grund könnte auch sein, dass die Filmfinanzierung bei uns sehr stark vom Fernsehen dominiert wird. Es gibt schon eine gewisse Selektion und For- mung von Ideen, die vom Fernsehen ausgeht. Vielleicht wird das ein oder andere Potenzial dadurch auch ausge- bremst. Aber unterm Strich ist jeder seine Glückes Schmied: wer unbedingt will und kompromisslos bleibt, be- kommt auch das gewünschte Ergebnis. WNA: Wie ist das bei Ihnen, Sie sind schließlich beim Fernsehen gelandet? Bohse: Das Fernsehen ist für einen Regisseur ein angenehmer Arbeitsplatz, weil man von der Finanzierung her nicht vollkommen in der Luft schwebt und Projekte weitaus schneller realisie- ren kann. Das schätze ich am meisten daran. Man ist nur Filmemacher, wenn man Filme macht. Mir würde es nicht reichen, alle vier, fünf Jahre einen Film zu machen. Beim Fernsehen kann ich drei Filme pro Jahr abdrehen. Zudem hat man das erzählerisch freiere und zunehmend innovative Format Serie zur Verfügung. Im Übrigen mache ich Filme nicht mit der Prämisse „Ich ma- che jetzt Fernsehen.“ Sondern ich ver- suche ihn so zu machen, dass ich ihn mir auch im Kino anschauen könnte. WNA: Am Schluss macht sich die Pro- tagonistin von „Ku’damm“ mutig auf ins Ungewisse. Wie sieht der Weg von Sven Bohse künftig aus? Bohse: Er will auf jeden Fall noch ei- nen Kinofilm drehen, den er sich selbst ausgedacht und produziert hat. Allein um sich selbst zu beweisen, dass er kein Feigling ist, der nur Fernsehen kann. „Man ist nur Filme- macher, wenn man ständig filmt.“ Es gibt kein richtiges Leben im falschen: Regisseur Sven Bohse (rechts) und sein Kamerateam suchen die Brüche hinter der scheinbar typischen kostümierten Fernsehunterhaltung.

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