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WNA Mai 2016

17 Im Gespräch | Wirtschaft Neckar-Alb | Mai 2016 Vita Sven Bohse ist gebürtiger Tübinger. Er studierte hier zunächst Germa- nistik, Amerikanistik und Philosophie, bevor er sich für die Filmkarri- ere entschied. Sein Abschlussfilm an der Filmakademie Ludwigsburg war 2006 für den Studenten-Oscar in Hollywood (Student Academy Award) nominiert. Seitdem schreibt, dreht oder produziert er Filme und Serien („Heiter bis tödlich“) fürs Fernsehen. Sein letzter Film, „Ku’damm 56“ (u.a. mit Heino Ferch, Uwe Ochsenknecht und Claudia Michelsen), ist ein Familiendrama rund um eine Tanzschule in den 50er Jahren – inklusive Sex, Elektroschocks und Rock’n’Roll. Bohse lebt mit seiner Frau und kleinen Tochter in Berlin. WNA: Herr Bohse, Ihr ZDF-Dreiteiler „Ku’damm 56“ ist beim Publikum und der Kritik bestens angekommen. Ist das jetzt der Durchbruch für Sie? Bohse: Das wird sich zeigen. Ich hoffe natürlich, dadurch öfter die Möglich- keit zu haben, solche Projekte zu ma- chen. Was nicht heißt, dass nur diese erstrebenswert sind, aber sie erhöhen die eigene Anziehungskraft. Gera- de auch auf Schauspieler: man kriegt leichter gute Leute. Und das wirkt sich immer gut auf das filmische Ergebnis aus. WNA: Der Film hätte auch das Zeug zur Serie gehabt. Warum gab es keine? Bohse: Es war ursprünglich geplant, die Geschichte als Miniserie heraus- zubringen, also sechsmal 45 Minuten. Man hat sich aber für die klassischen 90 Minuten zur Primetime entschieden. Das hat ja am Ende auch gut funktio- niert. Persönlich würde ich es gut fin- den, wenn die Geschichte weitergeht. Zum Beispiel ein Zeitsprung von zehn Jahren, am Vorabend der 68er-Revolte, wo praktisch der nächste gesellschaft- liche Umbruch in der Luft liegt. Aber konkrete Pläne gibt es noch nicht. WNA: Retro ist chic und Zeitgeschich- te geht hierzulande immer. War das Thema ein zwingender Erfolgsfaktor? Bohse: Sicher auch. Vor allem die Reibung: Auf der einen Seite die hei- le Welt, die sich die Leute damals ge- wünscht haben und auf der anderen, das Brodeln darunter. Die nicht aufge- arbeitete Vergangenheit und sexuelle Unterdrückung sowie der Aufbruch aus dem alten Mief. Die Stärke liegt für mich darin, dass wir immer dicht an den Figuren drangeblieben sind, statt Ereignisgeschichte zu bebildern. Wenn man eine starke Geschichte erzählen will, sollten sich die Dinge aus dem inneren Antrieb der Figuren entwickeln, damit man mitleidet und hofft. WNA: Vergangene Jahrzehnte zu in- szenieren ist eine Gratwanderung zwischen Fakten und Klischees. Wie schwer war das bei „Ku’damm“? Bohse: Wir haben nicht versucht pseudo-dokumentarisch zu sein, son- dern bewusst mit Klischees gearbeitet: Die böse Mutter, die jüngste Schwes- ter als Aschenputtel, falsche Prinzen, der unverstandene James Dean – es ste- cken Elemente drin, die fiktional über- höht sind. Trotzdem war es ebenso das Ziel, eine Welt zu in- szenieren, die sich authentisch anfühlt. Also nicht an ein, zwei Settings kleben zu bleiben und den Rest am Computer zu animieren. Sondern auch nach re- alistischer Stadtatmosphäre und visu- ellen Brüchen in dieser Traumwelt zu suchen. WNA: Wie sieht Ihre Arbeit als Re- gisseur eigentlich aus? Die meisten denken da an den großen Meister im Regiestuhl, der seine Ideen umsetzt. Bohse: Der Regisseur ist der Haupt- verantwortliche, der Leitfaden, damit nicht alles aus dem Ruder läuft: In der Vorproduktion, beim Dreh und der Nachbearbeitung. Am Anfang steht das eigene Gefühl für den Stoff, dann erarbeitet man mit Drehbuchautoren, Schauspielern und Kameraleuten ein schlüssiges Konzept, setzt das um und feilt und feilt. Man schaut ständig, dass der gestalterische Apparat innen wie außen funktioniert. WNA: Bei Werbung und Kritik zu „Ku’damm“ hatte man den Eindruck, dass die Drehbuchautorin für den Film wichtiger war als der Regisseur. Finden Sie das gut? Bohse: Ich habe das respektiert, dass Anette Hess mit ih- rem größeren Ruf durch „Weissensee“ stärker in der Außendarstellung prä- sent war, aber das entspricht nicht den gestalterischen Kompetenzen in der Umsetzung. Anette war nicht ständig beim Dreh dabei und hat in den Pro- zess eingegriffen. Wir haben bestimm- te Sachen ausdiskutiert, aber letzten Endes ist ein Film immer das Ergebnis der Regiearbeit. Es braucht letztlich beides: ein starkes Drehbuch und einen starken Regisseur, der die nötige Frei- heit hat, es zu seinem Baby zu machen. Und die hat die Produktion mir zwei- fellos gegeben. WNA: „Breaking Bad“, „Borgen“, „Game of Thrones“ – die Avantgarde geht derzeit nicht vom Film, sondern von Fernsehserien aus. Hierzulande ist das kaum so. Warum? Bohse: Das hat teilweise mit den Ver- marktungsmöglichkeiten zu tun. Auch „Es wäre wünschens- wert, wenn die Sender sich was trauen.“

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